Selbstfürsorge? Das ist doch Sport, gutes Essen, Wellness und so.
Aber Aufräumen und Ordnung machen? Das auch?
Na klar! Genau wie alle anderen Dinge, die wir tun um uns etwas Gutes zu tun, reduziert Ordnung Stress in unserem Leben und erhöht unser Wohlbefinden.
Zum einen in unserem Tagesablauf: Wenn die Jacken am Haken hängen, die Schuhe neben der Tür stehen, die Schultasche gepackt und die Küche Abends ordentlich ist, dann läuft der Morgen fast von selbst. Alles, was du gut vorbereitest, tust du also für dich (Dein Zukunfts-Ich sozusagen), damit dir etwas leichter fällt.
Zum anderen schaffen wir optische Beruhigung in unserer Umgebung. Weniger Eindrücke prasseln auf uns ein, weniger Dinge, mit denen evtl. sogar noch eine Aufgabe verknüpft ist, verlangen unsere Aufmerksamkeit. Du schaffst Ordnung also für dich, damit du gut abschalten und dich erholen kannst.
Und warum behandeln wir Aufräumen und Ordnung schaffen dann nicht als etwas positives? Warum sehen wir es als lästigen Zwang?
Da fallen mir gleich mehrere Gründe ein:
1. Ordnung halten wird immer noch als selbstverständlich vorausgesetzt.
Vor der Industrialisierung, als ein großer Teil der Menschen in der Landwirtschaft arbeitete und alle Wege ohne Auto zurückgelegt wurden, haben sicher die wenigsten darüber nachgedacht, nach anstrengender körperlicher Arbeit noch eine Runde laufen zu gehen. Das war auch nicht nötig, denn Bewegung hatte der Durchschnittsmensch in seinem Alltag genug. Mit der Zeit wandelte sich die Arbeitswelt. Mehr und mehr Menschen arbeiteten in Fabriken, später in Büros. Heute sitzen fast alle zu viel und es ist seit langem im Bewusstsein der Gesellschaft verankert, dass wir mit regelmäßigem Sport einen Ausgleich schaffen müssen.
Auch unser Verhältnis zu Essen hat einen Wandel durchlebt: Während in der Zeit bis zum zweiten Weltkrieg sehr viel regionale Lebensmittel verzehrt wurden und der eigene Küchen- und Gemüsegarten weit verbreitet war zogen in der Nachkriegszeit Convenience-Produkte in die Küchen ein und erlebten in den 60er und 70er Jahren einen Boom. Wir sehen heute noch an Häusern aus den 70er und 80er-Jahren, wie wenig Bedeutung dem Kochen noch beigemessen wurde: Die Küchen wurden so klein wie möglich geplant, sie dienten ja eh nur noch dem Aufwärmen fertiger Speisen. Doch inzwischen ist uns auch klar, dass schnell meist doch nicht gut ist und wir haben die Freude an frischem Essen wieder entdeckt.
Bei der Ordnung kommen wir gerade erst an den Punkt zu erkennen, wie weit wir uns in unserer Konsumgesellschaft und allem Überfluss ein neues Problem geschaffen haben. Wir haben haben einfach unglaublich viel mehr Dinge in unseren Haushalten als Menschen vor 100 oder 150 Jahren. Und die wollen alle verstaut, gepflegt, gemanaged werden. Mit den Strategien, die ausreichten um die wenigen Habseligkeiten in einem kleinen Arbeiterhäuschen oder der Stube eines Bauernhofs zu organisieren kommen wir in unseren überladenen Häusern und Wohnungen von heute nicht mehr weit. Und viele Menschen belastet das. Es belastet, dass da so vieles in ihrem Lebensraum ist, was Aufmerksamkeit fordert, wenn sie doch nur entspannen wollen. Unordnung ist in dieser Hinsicht wie Lärm, sie verhindert, dass wir uns erholen können. Deshalb müssen wir uns Bewusst mit unserer Ordnung und unserem Besitz auseinandersetzen und gegensteuern.
2. Neue Gewohnheiten fallen immer schwer
Es gibt viele Dinge, von denen wissen wir, dass sie gut für uns sind und trotzdem schaffen wir es nicht sie in unseren Altag zu integrieren.
Natürlich tut Sport uns gut. Aber gehen wir nach der Arbeit noch Laufen oder zum Yoga-Kurs? Nein. Ebenso wissen wir, wie wichtig gesundes Essen ist. Aber die Umstellung von schnell auf gesund fällt uns trotzdem schwer. Ebenso ist es mit der Ordnung. Wir realisieren langsam wie wichtig Ordnung für unser Wohlbefinden ist, aber wir sehen sie immer noch als Muss. Wir „müssen“ Ordnung halten, „müssen“ Aufräumen.
Wenn wir Sport machen kostet es Überwindung zum Studio zu fahren oder die Laufschuhe anzuziehen. Selbst zu kochen ebenfalls. Aber wenn wir erstmal laufen oder wenn wir unser Workout geschafft haben, merken wir wie gut wir uns damit fühlen. Und wenn wir uns die Zeit genommen haben selbst zu kochen und dann das Essen genießen wissen wir dass es sich gelohnt hat. Bei Sport und Essen bekommen wir das oft doch noch einigermaßen hin, weil die positiven Effekte in der Gesellschaft so oft Erwähnung finden, dass es uns nicht mehr so schwer fällt sie uns selbst ins Gedächtnis zu rufen. Ordnung hingegen schenken wir selten die gleiche Aufmerksamkeit oder Wertschätzung, weshalb es uns schwerer fällt anzufangen und auch durchzuhalten. Dabei sind auch die Effekte von Ordnung bereits spürbar sobald wir daran arbeiten.
3. Es wirkt nicht dringend.
Wir neigen dazu Dringliches vor Wichtigem zu priorisieren. Und Ordnung wirkt selten dringlich. Die Küche sieht vielleicht chaotisch aus, aber man kann ja trotzdem noch kochen. Der Schreibtisch ist voll, aber die E-Mails lassen sich trotzdem beantworten. Im Kinderzimmer ist kaum Platz zum Spielen, aber irgendwie geht es doch.
Viele Aufgaben, die mit Ordnung zu tun haben, erzeugen keinen unmittelbaren Handlungsdruck. Sie schreien nicht nach sofortiger Aufmerksamkeit. Im Gegensatz zu einer dringenden Abgabe im Job, einem plötzlichen Zahnschmerz oder einer leeren Sockenschublade, lässt sich Unordnung erstaunlich lange ignorieren, denn was keine direkte Konsequenz hat behandeln wir oft als nebensächlich.
Das Problem: Sie belastet uns trotzdem und das sehr lange unbemerkt.
Unordnung wirkt im Hintergrund. Sie erzeugt das Gefühl von Überforderung, ohne dass wir es direkt mit ihr verknüpfen. Wenn wir uns rastlos fühlen, schlecht abschalten können oder ständig das unterschwellige Gefühl haben, eigentlich noch etwas erledigen zu müssen, steckt oft die Unordnung dahinter. Das Durcheinander um uns herum überträgt sich auf das innere Erleben.
Weil Ordnung kein klarer Notfall ist, behandeln wir sie wie ein Projekt für später. Für „wenn mal Zeit ist“. Aber dieser Moment kommt selten, weil neue Dringlichkeiten immer dazwischenfunken. Deshalb ist es wichtig, Ordnung nicht länger als Nice-to-have oder Irgendwannmal-Aufgabe zu sehen, sondern als stilles Fundament für unser Wohlbefinden. Sie verdient einen festen Platz auf unserer Prioritätenliste.
4. Ordnung ist unsichtbare Selbstfürsorge.
Eine Yogapose oder ein bunter Salat sind fotogen. Sie lassen sich teilen, inszenieren, bewundern. Aber das Sortieren deiner digitalen Fotos? Das Ausmisten der Krimskrams-Schublade oder das Wischen hinter der Waschmaschine? Nicht besonders Instagram-tauglich. Und auch nichts, was man im Smalltalk an der Kaffeemaschine erwähnt. „Ich gehe heute Abend zum Yoga, da freue ich mich drauf, das tut mir immer gut.“ Ja, sicher. Aber: „Ich räume heute Abend meine Küche auf und stelle die Spülmaschine an, dann werde ich mich leichter fühlen.“ – eher nicht.
Ordnung fehlt oft der Glamour, den andere Gewohnheiten im Bereich Wellness haben. Sie ist still, unscheinbar und zählt selten zu den Dingen, die wir uns bewusst gönnen. Dabei ist die Wirkung enorm: Ein aufgeräumter Raum entlastet. Eine strukturierte Umgebung beruhigt. Ein übersichtlicher Schrank spart Energie, jeden einzelnen Tag. Aber weil es sich dabei nicht um einen öffentlich sichtbaren Akt der Selbstfürsorge handelt, schenken wir ihm kaum Anerkennung – weder im Außen noch für uns selbst.
5. Ordnung schaffen kann erstmal emotional belastend sein.
Ordnung zu schaffen klingt einfach: Ding in die Hand nehmen, Entscheidungen treffen, wegräumen oder wegwerfen, fertig. In der Realität ist es oft viel komplizierter. Denn was da in Kisten, Schubladen oder Schränken liegt, sind nicht nur Gegenstände. Es sind Erinnerungen, Entscheidungen, Wünsche und unerledigte Aufgaben.
Ein altes Geburtstagsgeschenk, das wir nie mochten, aber nicht wegwerfen wollen, weil wir sonst ein schlechtes Gewissen haben. Kleidung, die nicht mehr passt, aber an eine frühere Version von uns erinnert. Die nie benutzte Sportausrüstung, die uns ständig daran erinnert, dass wir „eigentlich“ aktiver sein wollten. Beim Aufräumen begegnen wir nicht nur Dingen. Wir begegnen uns selbst und all den Versionen von uns selbst, die wir mal waren und denen, die wir mal sein wollten.
Deshalb schieben viele Menschen das Thema Ordnung immer wieder vor sich her. Nicht aus Faulheit, sondern weil es emotional fordernd ist. Es bedeutet, Entscheidungen zu treffen. Abschied zu nehmen. Ehrlich zu sich selbst zu sein. Wer aufräumt, wird konfrontiert mit dem, was nicht geklappt hat, mit dem, was man aufgehoben hat für ein „Später“, das nie kam.
Es ist verständlich, dass wir uns davor drücken, besonders wenn der Alltag ohnehin schon voll und fordernd ist. Umso wichtiger ist es, dass wir uns selbst mit Freundlichkeit begegnen, wenn wir Ordnung schaffen. Dass wir anerkennen, wie viel emotionale Arbeit dahinter steckt. Und dass wir kleine Schritte wertschätzen. Denn jeder sortierte Stapel, jede leergeräumte Ecke ist nicht nur äußerlich eine Entlastung sondern auch innerlich ein Zeichen von Fürsorge.
Ordnung als stille Form der Selbstfürsorge
Ordnung halten wird oft als selbstverständlich vorausgesetzt. Wir denken nicht darüber nach, wie viel bewusste Anstrengung, wie viele Entscheidungen und wie viel Energie dahinterstecken – und dass nicht jede*r diese Fähigkeit einfach mitbringt. Während wir gelernt haben, Sport und gesunde Ernährung als Selbstfürsorge zu begreifen, ist Ordnung für viele immer noch bloß Pflicht.
Dabei verdient Ordnung viel mehr Anerkennung. Sie ist kein banales Aufräumen. Sie ist Fürsorge für sich selbst, Auseinandersetzung mit dem eigenen Leben und ein Weg zu mehr Klarheit und Ruhe.
Ordnung ist kein Nebenbei-Thema. Sie ist ein wirksamer Beitrag zu unserem Wohlbefinden.
