Warum nehmen wir die Unordnung anderer stärker wahr als unsere eigene?
Du räumst die Küche auf, wischst die Arbeitsfläche ab und gehst dann ins Wohnzimmer – wo du sofort siehst, dass dein Partner seine Jacke über den Stuhl gehängt hat und auf dem Couchtisch ein leerer Joghurtbecher steht. Innerlich seufzt du. Dabei hast du selbst vorhin deine Schuhe mitten im Flur stehen lassen, ohne es zu merken.
Warum ist das so? Warum springt uns die Unordnung der anderen so viel deutlicher ins Auge als unsere eigene? Dafür gibt es gleich mehrere Gründe und keiner davon ist Bösartigkeit oder Gleichgültigkeit.
1) Der Filter
Jeder Mensch nimmt seine Umgebung mit einem Filter wahr. Die vielen Sinneseindrücke, die in jedem Moment auf uns eindringen, werden sehr stark vorgefiltert bevor sie in unser Bewusstsein vordringen. Gerade in bekannter Umgebung – wie unserer Wohnung – sagt das Gehirn zu den meisten Dingen: Kenn ich. Kenn ich. Kenn ich auch.
Wir nehmen bevorzugt Dinge wahr, die uns unbekannt sind oder die an unerwarteter Stelle auftauchen. Die Dinge, die unsere eigene Unordnung ausmachen hingegen sind uns bekannt und auch nicht unerwartet, schließlich haben wir sie dort hingelegt. Die eigene Unordnung fällt somit meist in den Bereich, den wir ausblenden.
Bewusst werden uns die Dinge erst wieder, wenn wir etwas suchen, dann ist unser Gehirn sehr gut darin unsere Umgebung zu scannen und in zwei Gruppen einzuteilen: Ding, das ich suche und nicht das Ding, das ich suche.
2) Der Fokus
Wenn der Fokus schnell durch ein anderes Ereignis oder eine andere Anforderung von der gerade gemachten Unordnung abgelenkt wird, vergessen wir mitunter zu unserem Chaoshäufchen zurückzukommen und es wegzuräumen.
Ein Beispiel ist das Aufkleben eines Pflasters. Dazu packe ich den Pflasterstrip aus und ziehe die Laschen von den Klebeflächen. Die Schnipsel lege ich kurz auf dem Waschbeckenrand ab, weil für mich jetzt das Verarzten des blutenden Fingers im Vordergrund steht. Mein Fokus ist ganz dort. Ich schaue nochmal, wie tief der Schnitt ist, überlege, ob Desinfektionsmittel erforderlich ist und wo ich das Pflaster ansetzen muss, damit es am Ende gut sitzt. Mit dem Pflasteraufkleben ist der Gedankengang zu Ende und ich kehre vielleicht zu dem zurück, wobei ich mir in den Finger geschnitten habe – aber die Schnipsel von der Pflasterverpackung kommen mir nicht wieder in den Sinn.
Fällt mir das Papier später beim Zähneputzen auf, denke ich kurz: „Oh, das habe ich vergessen.“ Und werfe es weg. Sieht jemand anders es zuerst, denkt der sich aber vielleicht ganz ärgerlich: „Warum liegt das denn hier rum, das kann man doch gleich wegwerfen!“
3) Der Kontext
Was ich als Unordnung wahrnehme, hat für die andere Person oft einen Sinn. Ich sehe eine stehengelassene Kaffeetasse und denke, mein Partner hat schlicht vergessen sie wegzuräumen. Aber er hat sie absichtlich stehen lassen, weil er später noch einen zweiten Kaffee trinken möchte. Für ihn ist das kein Chaos, sondern ein Plan. Was von außen wie Unordnung aussieht, ist von innen manchmal schon organisiert.
4) Die Prioritäten
Es gibt immer mehrere Aufgaben. Immer. Und jeder Mensch priorisiert anders. Was für eine Person offensichtlich zuerst erledigt gehört, landet bei der anderen Person weiter unten auf der Liste – nicht weil ihr das egal wäre, sondern weil gerade etwas anderes wichtiger erscheint. Das kann leicht den Eindruck erwecken, dass jemand Dinge liegen lässt oder aufschiebt, obwohl er einfach nur anders gewichtet.
5) Die innere Kommunikation
Jemand nimmt einen Unordnungsherd wahr und nimmt sich innerlich vor, ihn später zu erledigen – zum Beispiel nach der Gassirunde. Damit hat er das Thema in seinem Kopf schon von „Unordnung“ zu „wird erledigt“ verschoben. Es fühlt sich nicht mehr wie ein offenes Problem an, sondern wie eine eingeplante Aufgabe.
Die Partnerin sieht das und fragt sich: „Wann räumt er das endlich auf? Sieht er das denn nicht?“ Dass beim anderen bereits ein Gedankenprozess in Gang ist und es schon ein konkretes Zeitfenster für die Aufgabe gibt, kann sie nicht wissen. Für sie sieht es aus wie Ignoranz, für ihn ist es bereits gelöst – er hat es nur nicht laut gesagt.
Was hilft?
Das alles klingt nach vielen kleinen Missverständnissen und das ist es im Grunde auch. Die gute Nachricht ist, dass man mit ein paar einfachen Gewohnheiten viel davon abmildern kann.
Erstens hilft es, sich seiner eigenen blinden Flecken bewusst zu werden. Wer weiß, dass das Gehirn die eigene Unordnung aktiv ausblendet, kann gezielt gegensteuern. Zum Beispiel mit einem kurzen Blick zurück über den Raum, bevor man ihn verlässt. Einmal kurz innehalten und scannen: Habe ich was liegengelassen?
Weil blinde Flecken aber eben blind sind, hilft es auch, wenn man sich gegenseitig darauf aufmerksam macht – und zwar konkret und ohne Vorwurf. „Ich hätte gerne die Arbeitsfläche hier frei, da liegt einiges von dir. Kannst du dich bitte darum kümmern?“ ist ein ganz anderer Satz als ein genervtes Seufzen oder ein allgemeines „Es ist hier wieder so unordentlich.“ Der erste Satz benennt, was stört und wo, ohne dass die anderen raten müssen. Und er gibt die Chance, einen blinden Fleck zu schließen, der vorher vielleicht wirklich nicht im Bewusstsein war.
Zweitens hilft Kommunikation, auch über scheinbar Selbstverständliches. Gedanken, die nur im eigenen Kopf existieren, kann niemand anderes lesen. Ein kurzes „Ich räume die Spülmaschine aus, aber erst gehe ich noch mit dem Hund raus“ klingt vielleicht banal, verhindert aber genau das stille Ärgernis, das entsteht, wenn jemand anderes die Spülmaschine später noch voll vorfindet und nicht weiß warum.
Dasselbe gilt für Pläne rund um Unordnung: „Ich weiß, dass das da noch liegt – ich kümmere mich darum, wenn ich mit ABC fertig bin.“ So weiß das Gegenüber, dass es wahrgenommen wurde und nicht vergessen ist. Und manchmal lohnt es sich auch, einfach zu fragen: „Was ist für dich heute wichtig?“ Bei uns ist diese Frage am Wochenende fast schon ein kleines Ritual beim Frühstück. Es klingt simpel, aber es verändert, wie man den Tag und die Aufgaben gemeinsam angeht.

